Perfetti und Synkinesien


Eines der häufigsten Probleme, die sich bei der Wiedererlangung der Bewegungsfähigkeit nach einer Gesichtslähmung manifestieren, sind die sogenannten Synkinesien. Das bedeutet, dass sich zum Beispiel beim aktiven Lächeln oder Kauen das Auge unwillkürlich mit schließt. Dies entsteht dadurch, dass es zu einem "mal-adapativen Sprouting" kommt. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das, dass kleinere Anteile des Nerves in andere Gebiete des Gesichtes gewachsen sind. So wurde also eine Art "Nervenverzweigung" beispielsweise zum Auge hin gebildet, die immer parallel mit aktiviert wird, wenn der Hauptast des Nerves zum Beispiel den Mund zum Lächeln innerviert. Deswegen erfolgt die "Mitbewegung" in einem Gesichtsbereich, der eigentlich nicht muskulär angesteuert werden wollte.

 

Was macht "Perfetti" mit Synkinesien?

Natürlich sollte von Anfang der Behandlung an vom Therapeuten und dem Betroffenen selber schon darauf geachtet werden, dass muskuläre Aktivitäten des Gesichtes vermieden werden, die zu beginnenden Synkinesien führen. Auch bestimmte Hobbies, wie zum Beispiel Kraftsport an Geräten oder andere muskulär sehr stark belastende Aktivitäten, die ja eigentlich das Gesicht an sich nicht direkt betreffen, können zu diesen unerwünschten Nebeneffekten führen.

Betroffenen rate ich also, nicht nur innerhalb der therapeutischen Übungen, sondern in ihrem gesamten Alltag darauf zu achten, welche Aktivitäten ein ungleiches Gefühl beider Gesichtshälften provozieren und diese vorübergehend möglichst auf ein Minimum zu reduzieren. Denn die gefühlte Ungleichheit bedeutet in den meisten Fällen auch, dass eine muskuläre Dysbalance entstanden ist. Diese muss unter Umständen von außen noch nicht einmal sichtbar sein. Gleichwohl sollte der Betroffene seinem inneren Gefühl vertrauen, weil es wesentlich umfassender als der reine Blick von außen ist. Denn auf dem Nährboden eines muskulären Ungleichgewichtes "wachsen und gedeihen" Synkinesien besonders gut und schnell.

 

Sollten sich bereits Synkinesien ausgebildet haben, besteht je nach Ausmaß und Gesamttherapiekontext des Einzelnen noch die Möglichkeit, das zentrale Nervensystem einzusetzen, um diese fehlgesteuerte Kontraktur wieder zu ver-lernen. Da sie aber, wie oben bereits beschrieben, auf einer "nervalen Fehl-Verschaltung" basieren, bedarf es eines kontinuierlichen und konsequenten therapeutischen Lernprozesses, die der Betroffene auch in seinen Alltag integrieren muss.

Möglichkeiten dafür wären, dass Patienten regelmäßig mithilfe einer Vorstellung von "früher" (mehr Details dazu im Flyer) die hypertonen, also verkrampften Muskelanteile erst einmal in Ruhe entspannen und sich bewusst darauf konzentrieren, zum Beispiel das "Gewicht" des Gesichtes zu spüren, das nach "unten geht". Das sind nur einige allgemeine Empfehlungen für Betroffene, die selbstverständlich von individuellen Übungen in der Therapie und zuhause begleitet werden sollten.

Dann durfte ich je nach Mensch jedoch erfreulicherweise beobachten, dass mit Hilfe der sanften Perfetti-Übungen bereits bestehende Synkinesien je nach Patient durchaus positiv beeinflusst werden konnten. Bis zu welchem Ausmaß hin, ist sehr individuell bedingt und dementsprechend nicht allgemein voraus zu sagen.

 

Es gilt also die Devise: Lieber Vorbeugen als Heilen - und vor allem auf ein einheitliches Gefühl des Gesichtes zu achten.