Das Perfetti Konzept in der Orthopädie

oder warum muss man auch bei "reinen" Körperverletzungen das zentrale Nervensystem miteinbeziehen?


Es gibt keine „reine“ Körperverletzung ohne Miteinbezug des Gehirnes. Das Gehirn als zentrale Ausgangsstruktur für Körperbewegungen kann nur dann eine richtige Bewegung planen, wenn es weiß, wo sich zum Beispiel die Hand oder allgemein gesagt, der Körperteil, den es zu bewegen gilt, im Raum befindet. Deswegen wird es vom Körper im Ruhezustand und in Bewegung stetig mit Informationen aus Gelenken, Muskeln usw. gespeist - mit korrekten, aber auch mit den durch die Verletzung veränderten Körperinformationen.

So kann es sein, dass Sie sehen, dass sich zum Beispiel Ihre Arme oder Beine in gleicher Position befinden und sie sich trotzdem unterschiedlich anfühlen. Dieses Problem, so lautet die Hypothese von Prof. Perfetti, kann dazu führen, dass ein Mensch unter sogenannten "neuropathischen Schmerzen" bei bestimmten Bewegungen leidet. Dies kann schlimmstenfalls so weit gehen, dass die nur schmerzhaft auszuführende Bewegung, auch nicht mehr ohne Schmerzen mental vorstellbar ist. Schmerzen müsse aber nicht zwingend entstehen.

Generell kann man nur sagen, dass die Bewegungsvorstellung dem Bewegungsplan des Gehirnes entspricht.

Kurz gesagt:       Falscher Plan - falsche Ausführung

Viele orthopädische Fälle weisen diese Problematik auf: Anhaltende Schwierigkeiten sind eher auf eine Veränderung der Bewegungsplanung und Körperwahrnehmung als auf die reine Muskeltätigkeit zurückzuführen. Auf diese Art kann man verstehen, warum beispielsweise nach einem Kreuzbandriss trotz Wiederherstellung des kompletten Kraftausmaßes der Betroffene noch über eine Unsicherheit beisipielsweise beim Treppensteigen klagt, was durchaus häufig vorkommt.

Aus diesem Grund sollte eine erfolgreiche Behandlung auch das Gehirn miteinbeziehen. Prozesse wie die Körperwahrnehmung und die Bewegungsvorstellung werden in der Therapie nach Professor Perfetti integriert und gleichen so das Missverhältnis zwischen Gehirn und Körper allmählich wieder aus. Dieser Einklang wird durch mehr Muskelkraft und eine feinere Bewegungskoordination nach außen sichtbar.

 

Hier ein praktisches Alltagsbeispiel, das jeder bereits in seinem Leben erlebt hat:

Das System des Menschen versucht immer, körperliche Schmerzen zu vermeiden. Wenn wir uns mit einem Messer in der Fingerkuppe des Zeigefingers geschnitten haben, spreizen wir beispielsweise automatisch den Finger beim Greifen eines Glases ab, um Schmerzen zu vermeiden. Das nennt man Ausweichbewegung. Wenn die Ausweichbewegung anhält, ändert dies kurzfristig den Bewegungsplan. Wir ergreifen ein Glas spontan ohne Kontakt des Zeigefingers.

Häufig ist es so, dass wir auch nach der Heilung des Messerschnittes noch den ehemals verletzten Finger abspreizen, obwohl gar kein Grund mehr besteht. Aber der Bewegungsplan ist noch auf „Schmerz“ eingestellt und muss erst wieder „aktualisiert“ werden, bevor eine neue bzw. die alte, ursprüngliche Bewegung, Greifen mit allen 5 Fingern, wieder möglich ist.

 

Auf diese Weise ist gut zu verstehen, dass eine ursprünglich reine Körperverletzung auch zu Veränderungen des Bewegungsplans und damit zu Veränderungen im Gehirn führen kann. Deshalb sollte eine erfolgsversprechende Therapie beide Aspekte, also die Behandlung der körperlichen wie zentralen, beinhalten.